Quelle: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (SZ) | Autor: Uwe Ritzer | Veröffentlichung: 22.09.2025 | https://www.sueddeutsche.de/
Kernaussage
Der Artikel beleuchtet den bundesweit eskalierenden Konflikt zwischen Mineralwasserherstellern und Kommunen. Während Bürgerinnen und Bürger die höchsten Wassergebühren zahlen, entnehmen Unternehmen wie Altmühltaler, Coca-Cola oder Red Bull Grundwasser kostenlos oder für Cent-Beträge und verkaufen es zu Hunderten des Originalpreises. Die Ungleichbehandlung stellt eine verfassungsrechtlich fragwürdige Praxis dar, da Wasser ein Allgemeingut ist. Besonders gravierend wird das Problem durch die zunehmende Grundwasserknappheit verschärft.
Der Fall Treuchtlingen als nationales Kuriosum
Die bayerische Stadt Treuchtlingen (13.000 Einwohner) steht exemplarisch für strukturelle Missstände:
| Aspekt | Situation in Treuchtlingen |
|---|---|
| Brunnen vor Ort | 20 Brunnen im Stadtkern |
| Nutzung | Ausschließlich privat und gewerblich; keine öffentliche Trinkwasserversorgung |
| Größter Entnehmer | Altmühltaler (gehört seit Ende 2022 zu Aldi Nord) |
| Entnahmemenge | So viel Wasser wie alle 13.000 Einwohner zusammen verbrauchen |
| Trinkwasserquelle | Fernleitung aus dem 50 km entfernten Donau-Lech-Mündungsgebiet |
| Absurdität | Bürger müssen bei Aldi abgepacktes Wasser kaufen, um „Wasser aus Treuchtlingen“ zu trinken |
Aktuelle Konflikte
Altmühltaler beantragte beim Landratsamt zwei neue Brunnen, um eine bislang ungenutzte Mineralwasserader anzuzapfen:
- Ein Brunnen liegt auf dem Firmengelände
- Ein Brunnen liegt auf städtischem Grund
Die Bürgerinitiative unter Anneliese Dischinger fordert: „Wir wollen, dass sie für das Wasser, das sie uns nimmt, vernünftig bezahlt. Es kann doch nicht sein, dass die Stadt verarmt und die Firma mit unserem Wasser immer reicher wird.“
Nationale Beispiele für Nutzungskonflikte
| Ort | Konzern | Konflikt | Ergebnis/Status |
|---|---|---|---|
| Lüneburg | Coca-Cola (Marke Vio) | Plan zur Verdopplung der Entnahmemenge durch neue Brunnen | Unter hartem Protest verworfen |
| Bergen (Bayern) | Adelholzen | Standorterweiterung im Juli gestoppt | Von Gemeinde blockiert |
| Baruth/Mark (Brandenburg) | Red Bull/Rauch | 2,2 Millionen Kubikmeter Grundwasser pro Jahr | Bürgerinitiative mit 28.000 Unterschriften gegen Vorhaben |
| Treuchtlingen (Bayern) | Altmühltaler (Aldi) | Erweiterung Tiefengrundwasser von 250.000 auf 500.000 Kubikmeter genehmigt? | Geprüft; 2019 bereits erste Abwehr erfolgreich |
Das Geschäftsmodell der Mineralwasserbranche
Wirtschaftliche Fakten
- Umsatz 2024: Knapp 3,6 Milliarden Euro (Mineral- und Heilwasser; Schorlen/Limonaden nicht eingerechnet)
- Hersteller: Über 150 Firmen mit mehr als 500 verschiedenen Sorten
- Verbrauch: 126 Liter pro Person/Jahr (mehr als das Zehnfache von 1970)
- Preisanstieg seit 2020: Fast 30 Prozent (+ 8 % allein 2024)
- Verbrauchsprognose: Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) erwartet weiteres Plus
Dominante Player
| Gruppe | Marken/Beispiele | Imperium |
|---|---|---|
| MEG | Schwarzwälder Mineralbrunnen u.a. | Schwarz-Imperium (Lidl/Kaufland) |
| Hassia | Hassia Mineralquellen | Unabhängig |
| Gerolsteiner | Gerolsteiner Sprudel | Unabhängig |
| Importe | Volvic (Danone), San Pellegrino, Aqua Panna (Nestlé) | Internationale Konzerne |
Kostenstruktur
Die Branche profitiert von einer einzigartigen Subventionierung:
- Grundwasserentnahme: Maximal ein paar Cent pro Kubikmeter
- Kostenfreie Entnahme: In Bayern, Hessen und Thüringen zahlen Hersteller gar nichts
- Kontrast zu anderen Branchen: Handwerker, Autobauer, Chiphersteller müssen Rohstoffe teuer einkaufen
- Prämie für Konsumenten: Kunden zahlen das Hundertfache dessen, was Leitungswasser kostet
„Obwohl Wasser ein Allgemeingut ist und rechtlich allen Menschen gehört, machen die Firmen damit ein Milliardengeschäft.“ — SZ-Artikel
Positionen im Diskurs
| Akteur | Position | Hauptargumente |
|---|---|---|
| Bürgerinitiativen (z.B. Treuchtlingen) | Forderung nach Bezahlung und gerechter Verteilung | Wasser ist Allgemeingut; Gemeinden verarmen während Konzerne profitieren |
| BUND-Studie (Juni 2025) | Kritische Einschätzung | Halbe aller Landkreise betroffen von akutem/strukturellem Grundwasserstress |
| Prof. Erik Gawel (Leipzig) | Warnung vor regionalen Engpässen | Künftige Klimaprojektionen sagen nässeärmere Sommer voraus; Nutzungskonflikte werden sich verschärfen |
| VDM (Jürgen Reichle) | Abwehr der Kritik | Anteil an Grundwasserentnahmen < 0,6 %; Deutschland hat keinen flächendeckenden Wasserstress; Gewerbesteuer profitiert Allgemeinheit |
| „a tip: tap“ (Berlin) | Ablehnung von Mineralwasser | Plastikmüllproblem; Verzicht würde 1,5x mehr Emissionen einsparen als innerdeutscher Flugverkehr |
| Bürgermeisterin Becker (Treuchtlingen) | Pragmatische Abwägung | „Altmühltaler ist unser größter Gewerbesteuerzahler. Wenn die weg sind, sind wir pleite.“ |
Wissenschaftlicher Hintergrund: Die knappen Ressourcen
Trotz gegenteiliger Behauptungen der Industrie zeigen Daten alarmierende Trends:
- Grundwasserstress: In etwa der Hälfte aller deutschen Landkreise mehr Entnahme als Neubildung
- Besonders betroffene Regionen: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Nordbayern
- Historischer Niederschlag 2025: Frühjahr auf historischem Tiefststand
- Prognose: Langfristig könnte das Gleichgewicht zwischen Wassernachfrage und -angebot „aus den Fugen geraten“
Vergleich mit anderen Verbrauchern
Während private Haushalte nur knapp ein Drittel des gesamten Wasserverbrauchs verantworten, entfallen zwei Drittel auf:
- Landwirte
- Energieversorger
- Getränkehersteller
- Industrie (Chemie, Papier, Zellstoff, Metall, Nahrungsmittel)
Rechtliche und politische Dimension
Genehmigungspraxis
Das Verfahren um Altmühltaler 2019 wurde als „geheime Kommandosache“ behandelt:
- Öffentlichkeit ausgeschlossen
- Schweigekartell zwischen Behörden, Firma, Stadt und Lokalzeitung
- Erst wenn alles abgeschlossen war, sollte die Öffentlichkeit informiert werden
Ergebnis 2019
Das Bayerische Landesamt für Umwelt lehnte die geforderte Mehrentnahme ab — erstmals wurde der politisch gut vernetzten Unternehmerfamilie Schäff (vor Verkauf an Aldi) ein solcher Wunsch abgeschlagen. Begründung: Der Tiefengrundwasserspeicher war bereits übernutzt.
Bürgermeisterin Beckers Dilemma
„Ich habe meine Meinung seither nicht geändert [gegen mehr Tiefengrundwasser]. Aber Altmühltaler ist unser größter Gewerbesteuerzahler. Wenn die weg sind, sind wir pleite. Wir hängen an diesem Betrieb.“
Gesundheitsaspekte: Mineralwasser vs. Leitungswasser
| Kriterium | Trinkwasser | Mineralwasser |
|---|---|---|
| Qualitätskontrolle | Am besten überwachtes Lebensmittel in Deutschland | Strengere Vorschriften für Mineralwasser |
| Mineraliengehalt | Kann je nach Region ähnlich hoch sein | Variiert je Quelle |
| Umweltbelastung | Minimale (Leitungsinfrastruktur) | Plastikmüll, Transportemissionen |
| Preis | Ca. 2-3 Euro/m³ | Hundertfacher Preis |
Umweltvereine argumentieren: Ein deutschlandweiter Verzicht auf Mineralwasser könnte anderthalbmal so viele Treibhausgasemissionen einsparen wie der gesamte innendeutsche Flugverkehr.
Fazit
Der Konflikt zwischen Mineralwasserindustrie und Gemeinden spiegelt eine grundlegende Gerechtigkeitsfrage wider: Während einzelne Bürgerinnen und Bürger zum Sparen aufgefordert werden, dürfen Großunternehmen kostenlose Zugriffsrechte auf ein Allgemeingut behalten. Mit zunehmender Wasserknappheit durch den Klimawandel verschärfen sich diese Nutzungskonflikte. Die Nationalen Wasserstrategie bleibt bislang ein Wunschkatalog ohne verbindliche Maßnahmen gegen diese strukturellen Ungleichheiten.
Die Fälle Lüneburg, Bergen und Baruth zeigen, dass Bürgerproteste erfolgreich sein können. In Treuchtlingen hängt weiterhin die wirtschaftliche Existenz der Kleinstadt am Wasserhandel — ein klassisches Dilemma zwischen lokaler Finanzkraft und kommunaler Verantwortung für die Ressource Wasser.
Mit freundlicher Genehmigung des Inhaltes gemäß § 51 UrhG zur Wiedergabe von Nachrichten und Zeitungsartikeln.
Für gute-grund.info zusammengefasst
Datum: 09.06.2026




